Tourentage Martelltal: Tag 1 (Anreise und Zustieg zur Zufallhütte) und 2 (Madritschspitze)

Nach Tipp aus zuverlässiger Quelle fällt die Wahl unseres heurigen Frühjahrs-Tourenwochenziels unter Berücksichtigung von Schneelage und Wetterprognose auf das Martelltal im Südtiroler Vinschgau. Die Anreise von Innsbruck über den von braungefleckten Hängen gesäumten Reschenpass lässt uns eher von Sonne und Meer als von Schnee und Eis träumen, nach ca. 2,5h Fahrt ab Innsbruck steigen wir auf dem über 2.000m hoch gelegenen, auch im Winter gut erreichbaren Parkplatz am Talschluss des Martelltals bei stärker werdendem Schneefall nur mäßig motiviert ins Schigewand und schultern unsere für vier Tage Hochtouren gepackten Rucksäcke.

Nach wenigen Schritten ist die mentale Umstellung auf die winterlichen Verhältnisse geschafft, das erhebende Gefühl des einsamen Aufstiegs durch eine nur schemenhaft erkennbare Winterlandschaft stellt sich ein. Wenig später, kaum in den Gehrhythmus gekommen, taucht die Zufallhütte (2.265m) im Nebel auf, werden wir mit Schnaps begrüßt und nehmen den Schlüssel für unser schönes Dreibettzimmer in Empfang, wo wir aufgrund der zeitlich knappen Reservierung wenige Tage vor diesem Osterwochenende bestenfalls mit einem Lagerplatz, schlechtestenfalls mit einem Notquartier im „Ruheraum der Sauna“ (den es wirklich gibt!) – so der freundliche Hüttenwirt am Telefon – gerechnet hatten.

Der Versuch einer nachmittäglichen Erkundungstour scheitert am dichten Nebel, beim opulenten Abendessen – die kulinarische Versorgung auf der komfortablen Zufallhütte ist von ungeahnter Qualität – machen sich ob des dichten Schneefalls leichte Zweifel breit, dass sich für den folgenden Tag eine Tour mit verantwortbarem Risiko finden lässt. Während die theoretischen Tourenmöglichkeiten mit Ausgangspunkt Zufallhütte ausgesprochen groß sind, würde ein weiteres Ansteigen der Lawinengefahr (für die Ortlergruppe gilt an diesem Tag bereits Warnstufe 3) durch größere Neuschneemengen diese zunichte machen. Vor dem frühen Schlafengehen fassen wir verschiedene Varianten ins Auge und verschieben die Entscheidung für ein Tourenziel auf den nächsten Morgen, für den wir den Wecker unserer Gewohnheit entsprechend früh stellen.

2. April, 05.10: Der Tag beginnt schlecht, Mexx wacht mit Fieber auf, an eine Tour ist in seinem Zustand nicht zu denken. Walter und ich brechen um 6.15 trotzdem mit voller Gletscherausrüstung und unklarem Ziel, aber einer Tendenz zur Route „Chevedale über Zufallferner“, bei Mondschein auf, einigermaßen beruhigt darüber, dass sich der nächtliche Neuschneezuwachs in Grenzen hält. Wenig später taucht die aufgehende Sonne die beiden Zufallspitzen in kräftiges Rosarot, die morgendliche Eiseskälte tut unserer Hochstimmung keinen Abbruch. Wir folgen einer Dreiergruppe (der Spurensituation nach zu urteilen die einzigen, die noch früher als wir gestartet sind), die nicht wie zunächst vermutet den Chevedale anpeilt, und versäumen aufgrund eines Orientierungsfehlers die Abzweigung, die zum Zufallferner führt, freuen uns aber, nachdem uns klar wird, dass wir falsch sind, bei den etwas heiklen Verhältnissen (Neuschnee, darunter uns unbekannte Gletscher) eine schöne Spur über sanfte Hänge und ohne Gletscherberührung vorzufinden.

Kurz vor zehn Uhr stehen wir vor dem gewaltigen Hintergrund aus Königsspitze, Cebru und Ortler wie sich später herausstellt auf der Madritschspitze (wir wähnen uns zunächst auf der Eisseespitze), schauen hinunter auf das Schigebiet Sulden am Ortler, und sehen ein, dass eine Überschreitung zur Casatihütte und weiter zum Cevedale von hier aus heute nicht mehr drinnen ist. Es folgt eine herrliche Abfahrt durch etwas windgepressten Pulverschnee, auf der die Vorzüge meines Snowboards voll zur Geltung kommen. Während ich bei den gegebenen Schneeverhältnissen mühelos und genußvoll tiefe Spuren ziehe, haben es Schifahrer – also alle anderen, denen wir an diesem Tag begegnen, denn Snowboarder haben im nicht lifttechnisch erschlossenen Hochgebirge Seltenheitswert – merkbar schwerer.

Bei der Abzweigung zur etwa 350 Höhenmeter über der Zufallhütte gelegenen, ebenfalls sehr freundlichen Marteller Hütte entscheiden wir uns, noch einmal anzufellen, und studieren nach Ankunft auf deren Terrasse die frischen Spuren über Fürkele- und Zufallferner zu unserem Wunschziel Cevedale, den wir uns für den nächsten Tag vornehmen. Anschließend geht’s nordseitig durch noch wunderbaren Pulver hinab zurück in den Talboden des Plimbaches und von dort zunächst flach, dann über eine Geländekante retour zu der in Sichtweite der Marteller Hütte liegenden Zufallhütte, wo wir Mexx wiedertreffen, der den Tag leider im Bett verbringen musste, uns die  Sauna aufheizen lassen und uns auf das Abendessen freuen.

Links

Zufallhütte
Marteller Hütte
Tourenbeschreibungen Martelltal auf seilschaft.it

» Zur Fotogalerie